Die Zukunft des Journalismus

Das Zeitungssterben hat den Journalismus kalt erwischt. Grund ist der digitale Wandel, der unsere Gesellschaft rasant revolutioniert. Immer mehr Leser informieren sich auf dem Weg zur Schule oder Arbeit online über die News des Tages – schnell und topaktuell. Was in der gedruckten Tageszeitung steht, ist für sie Schnee von gestern. Das Resultat: sinkende Abonnenten-Zahlen und Anzeigen-Erlöse. Doch der Journalismus erwacht aus seiner Schockstarre und geht neue Wege.

Ein Artikel von Susanne Kratzenberg, Creative Director Text bei New Communication GmbH aus Kiel.

 

MoJo – mobiler Journalismus

Die Zukunft des Journalismus ist mobil. Smartphones, Tablets und Wearables wie internetfähige Uhren oder Brillen verdrängen Desktop-PCs und Laptops. Die neuen Medien und Endgeräte verändern auch die Art und Weise, wie Journalisten berichten. Und womit.

Die wichtigsten Werkzeuge sind nicht mehr Stift und Notizblock. Heutzutage greifen Journalisten für ihre digitale Berichterstattung zur Videokamera.  Oder zum Smartphone mit hochwertiger Bild- und Tonqualität. Beim „mobile Reporting“ oder mobilen Journalismus verschwimmen die digitalen Grenzen zwischen Text, Foto, Audio und Video. Ganze TV-Beiträge werden heute schon mit Smartphones gedreht – in großartiger Qualität.

Das beeinflusst auch die journalistische Ausbildung. J-Lab ist das Institut für interaktiven Journalismus an der American University in Washington D.C. Dort stehen die Produktion und das Hochladen von Web-Content (Video und Audio) ganz oben auf dem Lehrplan.

Multimediales Storytelling

Neue Maßstäbe in der Online-Berichterstattung setzte die New York Times (NYT) im Dezember 2012. Ihre multimediale Web-Reportage „Snow Fall: The Avalanche at Tunnel Creek“ erzählt die Story eines Lawinenunglücks in 10.000 Wörtern – mitreißend, kreativ, in neuem Layout und mit unvorstellbarem Aufwand. 11 Mitarbeiter kreierten 6 Monate lang die erste multimediale Reportage.

Bis dato galt ein Feature als multimedial, wenn Videos, Bilder und Grafiken um den Text als Hauptelement herum platziert waren. Die NYT verknüpfte die multimedialen Inhalte erstmals zu einem einheitlichen Ganzen – für einen ungestörten Lesefluss. Dafür erhielten die Macher der Reportage 2013 den Pulitzer-Preis, die bedeutendste Auszeichnung für Journalisten in den USA. Heute gilt „Snow Fall“ weltweit als Synonym für hochwertigen Multimedia-Journalismus.

Dieser Trend kam auch in Deutschland an. Im Jahr 2013 kürte das Online-Magazin „Der Journalist“ z.B. die zwölf besten deutschen Multimedia-Reportagen. Unter den Preisträgern:

Das Feature der Zeitung Die Zeit zum 100-jährigen Bestehen der Tour de France

Das Online-Special „Arabellion: Was vom Frühling bleibt.“ über die politische Situation in vier arabischen Ländern. Julius Tröger, Multimedia-Redakteur der Berliner Morgenpost, bewertet Arabellion als „ersten deutschen Snow Fall“.

Bürgerjournalismus

Das Internet ist ein interaktives Medium. Leser kommentieren und kritisieren dort journalistische Beiträge. Verfassen eigene Blogs über Themen, die sie interessieren. Oder berichten als Augenzeugen über Ereignisse in ihrer Nachbarschaft. Ein verwackeltes Handy-Video aus einem Krisengebiet wirkt heute unmittelbarer und authentischer als ein professioneller, sauber geschnittener TV-Beitrag.

Immer mehr Sender binden daher nutzergenerierte Videos, Berichte oder Kommentare in ihre Berichterstattung ein. Denn Reporter können nicht überall sein, wo Nachrichten und Geschichten entstehen. Journalisten haben ihr inhaltliches Vorrecht auf Geschichten längst verloren. Heutzutage können auch Laien mit der passenden App eigene Videos, Fotos, Ton-Aufnahmen und Texte professionell zusammenfügen und in ihrem Kontakt-Netzwerk veröffentlichen. Damit wächst auch ihr Bewusstsein, Teil der öffentlichen Berichterstattung zu sein. Sie agieren immer mehr als selbstbewusste und souveräne Augenzeugen, Kommentatoren und Reporter.

Die US-amerikanische Lokalzeitung  The Seattle Times akzeptiert und unterstützt diese Entwicklung. Ihre Leser kommentieren nicht nur die Zeitungsinhalte im Web, sondern erzählen ihre eigene persönliche Geschichte zu bestimmten Themen. Auch Blogger betrachtet die Seattle Times nicht als Konkurrenten. Sie schätzt sie als unabhängige Insider, die lokale Brennpunkte und Bürgerbelange kennen und darüber informieren. Diese neue Art der Interaktion zwischen Redakteuren, Bloggern und Lesern zahlt sich aus: Die Seattle Times verzeichnet seitdem deutlich mehr Seitenaufrufe.

Kuratierte Geschichten

Menschen erzählen in sozialen Medien tagtäglich Millionen interessanter Geschichten. Doch nicht jede Enthüllung basiert auf wahren Begebenheiten. Und nicht jeder Kommentar zu einer bestimmten Story wird entdeckt und gelesen. Hier kommen neue Dienste und journalistische Darstellungsformen ins Spiel. Sie strukturieren die Varianten des Bürgerjournalismus. Und überprüfen nutzergenerierte Inhalte auf Relevanz und Authentizität.

Storify beispielsweise sammelt und bereitet Kommentare und Links aus dem Web auf. Jeder Nutzer kann so Inhalte aus unterschiedlichen Quellen in seine Berichterstattung einbinden – ohne besondere Programmierkenntnisse. Storify sammelt die gewünschten Informationen auf Twitter, Facebook, YouTube, Flickr, Google+, Instagram, Tumblr oder Soundcloud. Nutzer-Reaktionen verwandeln sich mit Storify in neue, spannende Feedback-Geschichten. Mit Hilfe des Dienstes verfolgen Autoren auch die Entwicklung eines Themas in den sozialen Medien. Oder Leser-Reaktionen auf eine Pressemeldung.

Die französische Nachrichtenagentur Citizenside und die irische Agentur storyful haben sich darauf spezialisiert, Augenzeugenberichte im Web auf Echtheit zu überprüfen. Dann sichern sie sich die Rechte und verkaufen die verifizierten Bilder und Videos an Medien in aller Welt. Die Themen reichen von Boulevard bis Politik. Für die Urheber der Videos und Bilder, also die Bürgerjournalisten gibt’s ein marktübliches Honorar.

Datenjournalismus

Früher interpretierten Datenjournalisten das Wetter oder Wahlergebnisse. Heute recherchieren und analysieren sie riesige Datenmengen zu vielfältigen Themen – immer mit konkreten, nützlichen Informationen für die Öffentlichkeit.

Ein Beispiel liefert die gemeinnützige Organisation ProPublica aus den USA. In ihrem Beitrag Dollars for Docs können Patienten online überprüfen, ob ihr Hausarzt Geld von der Pharmaindustrie erhielt und im Gegenzug möglicherweise bestimmte Medikamente vorrangig verordnet hat. Dazu sammelten Journalisten drei Jahre lang umfangreiche Daten aus zahlreichen Quellen.

Oftmals sind Datenjournalisten ein bis zwei Jahre mit einer großen Story beschäftigt. Sie tragen Daten zusammen und überprüfen dann, ob diese korrekt und auch vergleichbar sind. Erst dann stellen sie ihr Datenmaterial in einen größeren, aussagekräftigen Zusammenhang.

Auch deutsche Medien nutzen die Kraft des Datenjournalismus. Zeit online und Berliner Morgenpost, aber auch kleinere Redaktionen wie die Heilbronner Stimme werten große Datenmengen aus und erzählen daraus spannende Geschichten. Das sind z. B. ein Bericht über Leerflüge ab Berlin oder ein Talkie zur Operation Sawfish in Heilbronn.

Slow Media

Parallel zu den kurzen, knackigen News für mobile Nutzer erleben lange Geschichten eine Renaissance. Sie galten lange als Markenzeichen des traditionellen Print-Journalismus. Mittlerweile erobert dieser Langform-Journalismus das Web.

Eines der erfolgreichsten Medien-Start-ups auf diesem Gebiet heißt narrative.ly. Seit 2012 veröffentlicht die Online-Plattform Geschichten von unbekannten Menschen – jenseits der üblichen Schlagzeilen. narrative.ly konzentriert sich auf „slow storytelling“, das langsame Erzählen von Geschichten. Pro Woche wird ein Thema behandelt, pro Tag eine Story veröffentlicht. Im Fokus stehen Themen, die die Mainstream-Medien übersehen. Jeder Autor bekommt den Raum und die Zeit, um mit seiner Story Eindruck zu machen. Je nach Thema findet man auf der Plattform zusätzlich kurze Erzählungen, Videos oder Bildergeschichten.

Auch das US-amerikanische Start-up Byliner schafft online eine Lesekultur in exzessiver Länge. Byliner ist eine Online-Plattform für lange Lesestücke aus Magazinen und Büchern, für originäre Essays, Aufsätze, Meinungsstücke und Erzählungen. Texte sind dort ganze 10.000 bis 35.000 Wörter lang. Geschrieben werden sie von bekannten und weniger bekannten Autoren. 2011 startete das Unternehmen mit “Three Cups of Deceit” von Bestseller-Autor Jon Krakauer. 2012 gewann sie die New York Times als Partner. Doch die Neuentdeckung der Langsamkeit und die Wertschätzung des investigativen Qualitätsjournalismus gerät 2014 finanziell ins Trudeln. Byliner wird im September 2014 von dem E-Book-Unternehmen Vook gekauft.

Deutschland hat seine eigenen Online-Plattformen für Journalismus in Langform. Weeklys ist eine davon. Sie wurde 2013 gegründet von Journalist Jasper Fabian Wenzel. Er kuratiert lange, gut recherchierte Reportagen, Porträts und Essays von Reportern aus ganz Europa. Das Geld für den Launch erwarb er durch Crowdfunding auf Krautreporter.de. Heute finanzieren kostenpflichtige Abonnements den Alltagsbetrieb von Weeklys.

Fazit

Der Journalismus befindet sich in einem revolutionären Wandel. Viele neue Ideen sprießen. Manche wachsen und gedeihen, andere blühen nur eine Saison lang. Viele Entwicklungen verschmelzen miteinander wie z. B. Qualitätsjournalismus und Slow Media. Letztendlich wird die Zeit zeigen, welche Entwicklungen sich vom Trend zum Mainstream mausern. Doch eines ist sicher: Es bleibt spannend.

 

Quellen

Jana Gioia Baurmann, Weeklys: Langsamer, bitte!, 13.11.2013

Stefan Heijnk, Mashup-Dienst Storify: Aus User-Reaktionen eigene Geschichten mixen, 15.2.2011

Stefan Heijnk, Wie Sie das Snowfall-Layout der New York Times auf Ihre Site bringen, 2012

Leif Kramp | Stephan Weichert, Innovationsreport Journalismus: Ökonomische, medienpolitische und handwerkliche Faktoren im Wandel, 2012, Friedrich-Ebert-Stiftung

Lorenz Matzat, Interview mit Datenjournalist Julius Tröger, 19.1.2015

Laura Hazard Owen, Byliner gone bad and the business of longform journalism on the web, 4.7.2014

Daniel-C. Schmidt, Zukunft des Journalismus: Nachrichtenmacher von nebenan, 2.7.2013

Mike Schnoor, Digitaler Wandel: Auswege aus dem Zeitungssterben?, 3.1.2013

Moritz Stückler, Multimedia-Storytelling: Diese 25 beeindruckenden Artikel musst du gesehen haben, 7.12.2013

Pauline Tillmann, Road Trip durch die USA: Auf der Suche nach den wichtigsten Medientrends, 29. Januar 2015

Vanessa Wormer, Wie unser Talkie zur Operation Sawfish entstand

Volker Schütz, FAZ: Digitale Zeitung kommt im Spätherbst, 16. April 2015

Volker Schütz, Warum die Tageszeitung zum Hoffnungsträger der Digitalstrategie wird, 20. April 2015

tagesschau.de, 150 Millionen Euro für Verlage: Googles Charmeoffensive, 28.04.2015

 

 

Die Autorin

Portraitfoto Susanne KratzenbergSusanne Kratzenberg ist Creative Director Text bei New Communication. Die studierte Sprach- und Literaturwissenschaftlerin entwickelt aber nicht nur kreative Kampagnen und treffsichere Texte. Als Lektorin eliminiert sie alle sprachlichen Stolpersteine und Fehltritte.
Ihr Know-how ist auch außerhalb von New Communication gefragt. So war sie bereits an der Muthesius Kunsthochschule Kiel als Vertretungsprofessorin für Sprache und Kommunikation im Einsatz.

 

Kontakt

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Tel.: 0431.90 607-29
E-Mail: ivens@new-communication.de
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