Wenn ein Patent zum Stoppschild wird – und wie man systematisch einen Weg hindurch findet
Beitrag von Dr. Jens Träger, Truinorva GmbH, Hetlingen
In Entwicklungsprojekten wiederholt sich ein bestimmtes Muster mit erschreckender Regelmäßigkeit: Die Patentrecherche zeigt einen relevanten Schutzrechteinhaber. Irgendjemand sagt: „Da liegt ein Patent – wir dürfen hier wohl nichts mehr machen.“ Was dann folgt, sind keine Entscheidungen, sondern Abstimmungsschleifen, Vorsichtsrunden und am Ende resigniertes Verwalten statt Lösen. Budgets werden ausgegeben, ohne dass Ergebnisse entstehen.
Dieses Muster tritt überall dort auf, wo technologieintensive Entwicklung auf dichte Schutzrechtslandschaften trifft – in der Automobilzulieferkette genauso wie im Maschinenbau oder im Embedded-Systems-Bereich. Und es hat weniger mit der konkreten Patentlage zu tun als mit dem Fehlen einer Methode, um damit strukturiert umzugehen.
Genau das adressiert das Praxisbuch Think. Solve. Create. – Patentblockaden smart umgehen mit System und KI, das Carmen Lehner und Jens Träger gemeinsam mit einem interdisziplinären Autorenteam verfasst haben. Leserinnen bekommen einen erprobten Workflow, mit dem sich eine scheinbare Blockade in ein bearbeitbares technisches Problem überführen lässt.
Was das Buch zeigt – und warum es für die digitale Wirtschaft relevant ist
Das Buch richtet sich an Entwicklerinnen, Ingenieurinnen, IP-Verantwortliche und alle, die an der Schnittstelle von technischer Innovation und Schutzrechten arbeiten. Drei Denkbewegungen sind dabei zentral:
Erstens: Patente funktional lesen, nicht bauteilorientiert. Wer ein Patent nur auf Komponentenebene analysiert, bewegt sich innerhalb des Lösungsraums des Schutzrechtsinhabers. Wer fragt, welche technische Funktion eigentlich erfüllt wird und welcher Widerspruch dahintersteckt, öffnet den Blick auf Alternativen.
Zweitens: Widersprüche präzise formulieren. TRIZ – die „Theorie des erfinderischen Problemlösens“, eine seit Jahrzehnten bewährte Innovationsmethodik aus der Ingenieurpraxis – zwingt zur Genauigkeit: Was soll besser werden? Was darf dabei nicht schlechter werden? Diese Zuspitzung ist keine akademische Übung – sie ist die Voraussetzung dafür, dass Lösungsideen gezielt und nicht zufällig entstehen.
Drittens: KI als Strukturmaschine nutzen, nicht als Orakel. Generative KI beschleunigt die Analyse – bei der Übersetzung von Patenttexten in Funktionsmodelle, bei der Exploration von Lösungsrichtungen, bei der konsistenten Dokumentation. Entscheiden und validieren bleibt Aufgabe des Menschen.
Ein konkretes Beispiel: Kabelbaum-Schutzelement, Patent DE102025105610A1
Wir zeigen das Vorgehen an einem Patent für ein Kabelbaum-Schutzelement, wie es in der Fahrzeugproduktion eingesetzt wird. Das Patent schützt eine Befestigungslösung, bei der ein röhrenförmiges Schutzelement über eine strukturierte Oberfläche mit einem Befestigungselement verschweißt wird. Die Oberflächenstruktur ist dabei kein Designmerkmal, sondern funktionaler Kern: Sie konzentriert die Energie beim Schweißprozess lokal, steuert den Materialfluss und erzeugt Verbindungsfestigkeit, ohne das umliegende Material zu schädigen.
Schritt 1: Funktionale Analyse. Statt die Bauteile zu inventarisieren, wird das System in nützliche und schädliche Funktionen zerlegt. Ergebnis: Die verschweißte Verbindung erfüllt eine nützliche Funktion – dauerhafte, vibrationsresistente Befestigung –, erzeugt aber gleichzeitig auch schädliche Funktionen. Sie ist kaum lösbar und erschwert Reparatur und Nachjustage und die Fertigung ist komplex.
Schritt 2: Widerspruchsformulierung. Die TRIZ-Analyse ergibt einen klaren Technischen Widerspruch: Wenn die Verbindungsfestigkeit erhöht wird, verschlechtert sich die Demontierbarkeit – und umgekehrt. Dasselbe Verbindungsprinzip soll zwei widersprüchliche Zustände erfüllen. Wer das Patent bauteilorientiert liest, sieht: Hier wird geschweißt. Wer es funktional liest, sieht: Energie wird lokal konzentriert, um Festigkeit ohne Schädigung zu erhöhen. Der Unterschied ist entscheidend.
Schritt 3: Lösungsgenerierung. Auf Basis dieses Widerspruchs und der TRIZ-Innovationsprinzipien entstehen strukturell andere Designalternativen. Also keine Variationen der Schweißverbindung, die nahe am Schutzbereich blieben, sondern andere Wirkprinzipien wie z.B. lokale Wärmeeinkopplung über andere Energiequellen, mechanische Rastverbindungen mit gezielt gestalteten Kontaktzonen, formadaptive Zonen mit reversibler Fixierung oder die Verwendung anderer Fügeverfahren als Schweißen.
Das Ergebnis: Den Sprung in neue Lösungsräume liefert nicht mehr Kreativität, sondern präzisere Abstraktion. Wer fragt „Wie variieren wir die Schweißung?", bleibt im Schutzbereich des Patents. Wer fragt „Welche anderen Wirkprinzipien erzeugen lokal dauerhafte, resistente Verbindungen?", öffnet einen Lösungsraum, der strukturell zum großen Teil außerhalb des bestehenden Schutzbereichs liegt.
Warum das für DiWiSH-Mitglieder interessant ist
Patentblockaden gelten oft als Problem der Großindustrie. Das stimmt nicht. Gerade mittelständische Unternehmen und Dienstleister der digitalen Wirtschaft geraten zunehmend in Situationen, in denen FTO-Fragen – Freedom-to-Operate, also die Frage, ob eine eigene Lösung bestehende Schutzrechte Dritter verletzt – über die Richtung eines Projekts entscheiden. Solche Schutzrechte, im Englischen unter dem Begriff IP (Intellectual Property) zusammengefasst, umfassen neben Patenten auch Designs, Urheberrechte und Gebrauchsmuster. Wer Software für industrielle Systeme entwickelt, wer Embedded-Lösungen baut oder wer für Kunden Innovationsprozesse begleitet, braucht Werkzeuge, um in solchen Situationen handlungsfähig zu bleiben statt abzuwarten.
Genau darum geht es auch im Buch Think. Solve. Create. Denn es zeigt übertragbare Methoden, mit der Teams eigenständig arbeiten können.
Buch und Praxistage
Think. Solve. Create. – Patentblockaden smart umgehen mit System und KI ist ab dem 22. April 2026 als Taschenbuch und eBook über Amazon erhältlich. Alle Informationen unter truinorva.de/think-solve-create.
Wer die Methoden direkt erproben möchte, hat an drei Terminen Gelegenheit: 12. Mai 2026 in München, 19. Mai 2026 in Frankfurt am Main, 2. Juni 2026 in Hamburg. An einem ganzen Arbeitstag arbeiten die Teilnehmenden gemeinsam mit den Autor:innen anhand konkreter Beispiele aus Patent-, Innovations- und F&E-Praxis durch den vollständigen Workflow – mit dem Ziel, die Methodik danach selbständig auf eigene Projekte anwenden zu können.
Anmeldungen über truinorva.de/think-solve-create oder direkt per E-Mail: hallo@truinorva.de.