Wenn der Baum „Durst“ meldet: Green Ecolution macht Stadtbewässerung smart
Beitrag von Emely Unger, Kommunikationsmanagerin bei der DiWiSH
Aus einem Masterprojekt der Hochschule Flensburg wird eine Open-Source-Lösung für die Baumbewässerung. Das Land Schleswig-Holstein fördert sie im Programm „Offene Innovation“ des DigitalHub.SH. Im September 2026 wurde Green Ecolution beim Digitalisierungspreis des Landes mit dem Sonderpreis Green Coding ausgezeichnet. DiWiSH-Mitglied PROGEEK ist einer der zentralen Partner. Doch worum geht es bei dem Vorhaben eigentlich?
Wenn Stadtbäume Durst haben
Trockenheit und Hitze setzen den Stadtbäumen in Schleswig-Holstein zu. Der NDR berichtete im August 2026, dass tausende Bäume in den Städten absterben. Wo gegossen wird, entscheidet bisher oft das Erfahrungswissen einzelner Mitarbeitender. Belastbare Daten darüber, welche Flächen tatsächlich Wasser brauchen, fehlen häufig.
Die Folgen kennt jeder, der schon einmal eine Zimmerpflanze nach Gefühl gegossen hat: Entweder bekommt sie zu viel Wasser oder aber zu wenig. Im Stadtmaßstab kann das richtig teuer werden – und eine ökologische Herausforderung. Ein einzelner Straßenbaum kostet in der Anschaffung rund 1.700 Euro. Verliert eine Stadt in einer Dürresaison nur zehn Jungbäume, sind das rund 17.000 Euro für die Wiederbeschaffung. Dazu kommt die über Jahre verlorene Klimawirkung der Bäume.
Der Klimawandel macht Niederschläge unregelmäßiger, die Böden trocknen schneller aus. Zugleich steigen die Erwartungen an ein gepflegtes Stadtbild. Das führe oft zu ineffizienten Einsätzen, bei denen Wasser, Zeit und Treibstoff letztlich verschwendet werden. Wässert man aber gezielt, lohnt sich das so richtig.
Was ist Green Ecolution?
Green Ecolution ist eine modulare, quelloffene Plattform, die nach dem Prinzip „Messen. Verstehen. Handeln.“ arbeitet. Sensoren liefern Messwerte, die Plattform macht daraus ein klares Lagebild und die Einsatzplanung schickt das Team dorthin, wo es gebraucht wird. Heute steuert sie die Bewässerung von Stadtbäumen. Laut PROGEEK sei das erst der Anfang.
Man kann sich das wie eine Mischung aus Fitnessarmband und Navi für Stadtbäume vorstellen. Der Sensor misst den „Puls“ des Bodens. Das Dashboard zeigt, wer Hilfe braucht. Die Routenplanung führt das Gießfahrzeug auf dem besten Weg dorthin.
Die Funktionen im Überblick:
- Messen: Bodensonden erfassen Feuchte und Temperatur in variablen Tiefen. Sie funken ihre Werte energiesparend über LoRaWAN oder NB-IoT. Die Installation erfolgt bodenbündig und hat keinen Einfluss auf Pflegearbeiten.
- Verstehen: Auf Karte und Dashboard zeigt ein Ampelsystem, welche Bäume und Flächen Wasser brauchen. Bei begrenzten Kapazitäten priorisiert die Plattform nach Dringlichkeit. Außerdem gibt es Zeitverläufe für Bodenfeuchte, Temperatur und Wasserspannung.
- Handeln: Die Einsatzplanung erzeugt Gießtouren mit Nachfüllstopps. Sie berücksichtigt Fahrzeuge, Wasserkapazitäten und Straßenrestriktionen. Die fertigen Routen lassen sich auf Navigationsgeräte exportieren.
Vom Masterprojekt zur Marke
Am Anfang stand eine Frage der Stadt Flensburg, aus der erst ein Studienprojekt und dann ein Unternehmen wurde. Neun Masterstudierende der Angewandten Informatik entwickelten unter der Leitung von Prof. Dr. Simon Olberding über ein Jahr hinweg ein smartes Bewässerungssystem für die Bäume im Flensburger Stadtgebiet. Dabei arbeiteten sie eng mit dem Technischen Betriebszentrum (TBZ) und der Smarten Grenzregion zusammen. Die Sensoren wurden mit bestehenden Geräten des TBZ in den Boden eingelassen.
Heute arbeiten PROGEEK, die Smarte Grenzregion, die Stadt Flensburg, das Technische Betriebszentrum Flensburg und die Hochschule Flensburg zusammen.
PROGEEK übernimmt die Weiterentwicklung der Software, die technische Umsetzung und die Fertigung der Sensorik. Das DiWiSH-Mitglied bringt Expertise in IoT-Entwicklung, Sensorfertigung, Softwarearchitektur und Systemintegration ein. Cedrik Hoffmann, der schon im Forschungsprojekt mitgewirkt hatte, gründete Green Ecolution zusammen mit der PROGEEK Group.
Sensor im Boden, Ampel auf dem Bildschirm
Wie das System genau funktioniert, zeigt dieser Youtube-Beitrag auf dem Kanal des Landes Schleswig-Holstein.
Der Weg der Daten besteht aus vier Bausteinen:
- Der Sensor misst vor Ort die Bodenfeuchte am Baum,
- Ein Gateway überträgt per LoRaWAN,
- das Backend verarbeitet und analysiert die Daten und
- das Dashboard visualisiert sie und unterstützt die Tourenplanung.
Für die Funkstrecke nutzt das Projekt vorhandene Infrastruktur. Schleswig-Holstein hat seit 2024 ein landesweites LoRaWAN-Netz mit über 420 Gateways aufgebaut, das an das offene The Things Network angebunden ist. Green Ecolution knüpft daran an, statt eigene Netze zu bauen. Wo es keine Abdeckung gibt, können dieselben Sonden über NB-IoT mit SIM-Karte funken. Die Sonden arbeiten mehrere Jahre im Batteriebetrieb und brauchen keine Kabel.
Die Sensoren werden direkt von den Mitarbeitenden der kommunalen Betriebszentren im Wurzelbereich der Bäume eingegraben, ganz ohne externe Dienstleister. Für die Einrichtung steht bereits eine mobile App zur Verfügung. Ein Scan des QR-Codes auf dem Sensor genügt, um ihn dem jeweiligen Baum und Standort zuzuordnen und mit der Plattform zu verbinden. So ist ein Sensor in wenigen Schritten vor Ort einsatzbereit.
Die Routenplanung ist dabei besonders innovativ. Sie rechnet aus den Sensordaten den tatsächlichen Bedarf aus und plant die Touren samt passender Nachfüllpunkte. Dabei berücksichtigt sie reale Bedingungen wie Baustellen und Wege, die das TBZ befahren darf, der übrige Verkehr aber nicht, etwa Fußwege.
Unter der Haube setzt die Plattform auf offene Standards und Open-Source-Komponenten. Die cloud-native Architektur ermöglicht einen mandantenfähigen, hochverfügbaren Betrieb. Dank API-first-Ansatz und Plugin-System lässt sich die Software ohne Eingriff in den Kern erweitern, etwa um Importe aus Baumkatastern oder Datenbanken. Die sparsame Architektur in Rust folgt dabei Green-Coding-Prinzipien.
So sieht der Alltag aus
Der Praxisbezug zeigt sich im Einsatz beim TBZ, wie ein Beitrag des NDR zeigt. Die Grünflächenpflege wird so deutlich einfacher – und das System entlastet. Auf einen Blick wird deutlich, wo wirklich bewässert werden muss und auf welchem Wege das bestmöglich erfolgen kann.
Weitere Vorteile:
- Nachweis bei externer Pflanzung: Pflanzen Baumschulen oder Fremdfirmen Bäume und übergeben sie später ans TBZ, lässt sich nachvollziehen, dass tatsächlich bewässert wurde. Öffentliche Mittel werden so nachweisbar zweckgerecht eingesetzt.
- Günstigere Angebote: Anbieter kalkulieren heute Ausfälle angewachsener Bäume ein. Kann bedarfsgerechte Bewässerung nachgewiesen werden, sinkt dieses Risiko und Angebote können günstiger ausfallen.
- Mehr als Bäume: Beete, Sträucher und Hecken lassen sich genauso überwachen. Auf der Roadmap stehen Beete, Stauden und Parks.
- Flotte und Teams: Die Plattform verwaltet auch Fuhrpark, Teams und Wasserverbrauch.
Ein Unterschied zu klassischer Bewässerungstechnik: Green Ecolution ist nicht für fest installierte Anlagen gebaut. Es ist auf Gießwagen und mobile Einsätze ausgelegt und die vorhandene Infrastruktur kann weiter genutzt werden. Die Einsatzplanung funktioniert dabei sogar ohne Sensorik. Bäume, Flotte und Nachfüllpunkte genügen. Die Sonden verbessern dann die Priorisierung.
Erste Erfolge, die Wurzeln schlagen
- Landesförderung: Green Ecolution ist eines von 17 Projekten, die Schleswig-Holstein 2025 im Landesprogramm „Offene Innovation“ des DigitalHub.SH mit einem sechsstelligen Betrag finanziert. Digitalisierungsminister Dirk Schrödter betonte 2025, Flensburg zeige, wie kommunale Innovation, Open Source und digitale Souveränität Hand in Hand gehen können.
- Sensoren im Einsatz: Von der Entwicklungsphase geht es jetzt in den Betrieb: Rund 150 Sensoren hat die Stadt Flensburg bestellt, welche ab jetzt vergraben werden und dann in die Nutzung kommen.
- Auszeichnung: Green Ecolution gewann 2026 den Sonderpreis Green Coding beim Digitalisierungspreis des Landes Schleswig-Holstein und belegte beim Open-Source-Wettbewerb in der Kategorie „Transformation“ den zweiten Platz.
- Medienecho: Neben dem NDR berichteten unter anderem auch die Landesregierung, die Stadt Flensburg und die Hochschule Flensburg über das innovative Projekt.
Open Source für alle Kommunen
Green Ecolution gilt als eine der ersten Open-Source-Lösungen, die den gesamten kommunalen Bewässerungsprozess digital abbilden. Das reicht von der Erfassung des Wasserbedarfs über die Sensorik bis zur automatisierten Einsatz- und Routenplanung.
Open-Source heißt hier übrigens konkret: Der Quellcode ist öffentlich auf GitHub einsehbar und steht auch auf openCode.de bereit. Kommunen zahlen keine Lizenzkosten und sind nicht an einen Anbieter gebunden. Sie können die Plattform selbst betreiben oder sich von PROGEEK Setup, Betrieb, Updates und Support liefern lassen.
Das Prinzip ist bewusst über Flensburg hinaus gedacht. Kartenbereiche, Organisationsstrukturen und Einsatzgebiete sind frei konfigurierbar. Mit über 10.000 Kommunen in Deutschland ist ein skalierbarer Markt definitiv vorhanden. Und wenn es nach CEO Cedrik Hoffmann geht, soll damit zukünftig am besten ganz Deutschland bewässert werden.
Was als Nächstes sprießt
Auf der Roadmap stehen unter anderem ein Open-Data-Export mit Anbindung an das Open-Data-Portal des Landes und an die Datenplattform Civora sowie weitere Grünflächentypen. Darüber hinaus werden weitere Einsatzmöglichkeiten erprobt, die sich mit dem System abbilden lassen und zum Leitgedanken „Messen. Verstehen. Handeln.“ passen. Denkbar sind neben Grünflächen auch andere kommunale Aufgaben, etwa die bedarfsgerechte Leerung von Mülleimern am Straßenrand.
Wer sich ein eigenes Bild machen will, kann die öffentliche Demo-Instanz direkt im Browser ausprobieren. Weitere Infos gibt es auf green-ecolution.de und im PROGEEK-Blog.
Wir freuen uns sehr, dass mit PROGEEK ein Mitglied der DiWiSH dieses Vorhaben maßgeblich und sehr erfolgreich weiter vorantreibt.
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