Was wir jetzt aus der Cyberattacke auf das Fehmarnbelt-Projekt lernen können
Beitrag von Emely Unger, Kommunikationsmanagerin bei der DiWiSH
Zugangskarten tot, Systeme down: Der Hackerangriff auf das Baukonsortium des Fehmarnbelt-Tunnels zeigt, wie schnell ein digitaler Vorfall den physischen Betrieb stoppen kann. Für Unternehmen in Schleswig-Holstein steckt darin eine klare Botschaft.
Was passiert ist
In der Nacht zum Montag, 12. Oktober, wurde das Baukonsortium Femern Link Contractors (FLC) Ziel eines Cyberangriffs, so die Berichte.
Die dänische Projektgesellschaft Femern A/S bestätigte, dass ihr Auftragnehmer betroffen ist. Die dänische Polizei ermittelt.
Nach Medienberichten fielen zentrale Systeme aus, elektronische Zugangskarten funktionierten nicht mehr und Beschäftigte sollten Computer und WLAN nicht nutzen. Elementare Arbeitsabläufe funktionieren nicht mehr oder müssen manuell organisiert werden. Auch die Kommunikation zwischen der deutschen und der dänischen Seite sei gestört.
Wer hinter dem Angriff steckt, ist offen. Henning Mortensen, Vorsitzender des dänischen Rats für digitale Sicherheit, hält einen Zusammenhang mit hybrider Kriegsführung für möglich. Bestätigt ist dies nicht.
Hohe Digitalisierung, hohes Risiko
Dänemark gilt als eines der am weitesten digitalisierten Länder der Welt. Dieser Vorsprung ist eine Stärke, macht aber auch verletzlich: Je enger Prozesse, Zugangskontrolle, Logistik und Kommunikation vernetzt sind, desto mehr hängt an der IT. Fällt sie aus, steht nicht nur das Büro still, sondern im Zweifelsfall auch für die Baustelle eines infrastrukturkritischen Projektes. Das gilt für ein Milliardenprojekt genauso wie für den Handwerksbetrieb, den Logistiker oder das Systemhaus.
Fünf Lehren für den Mittelstand
- Plan B für den Totalausfall
Jedes Unternehmen braucht einen Notfallplan für den Fall, dass gar nichts mehr geht. Dazu gehören Notfallkontakte auf Papier, Kommunikationswege außerhalb der eigenen IT, händische Ersatzprozesse und klare Zuständigkeiten. - Den Ernstfall durchspielen
Ein Plan im Ordner reicht nicht. Er muss wie ein Planspiel geübt werden: Wer entscheidet? Wer informiert Kunden, Behörden und Beschäftigte? Wie kommen die Leute ins Gebäude, wenn die Zugangskarten nicht mehr funktionieren? - Abhängigkeiten kennen
Betroffen ist in diesem Fall ein Auftragnehmer, mit Folgen für ein ganzes Projekt. Lieferketten, Dienstleister und Partner gehören in die eigene Risikobetrachtung. - Grundlagen vor Großbudget
Guter Cyberschutz beginnt nicht mit teurer Technik, sondern mit Updates, Mehrfaktor-Authentifizierung, getesteten Backups und vor allem geschulten Mitarbeitenden. - Vorfälle melden
Wirtschaftsminister Claus Ruhe Madsen appelliert, Cybervorfälle konsequent zu melden. Dass die Behörden einen Betrieb nach der Meldung eines Angriffs für Ermittlungsarbeiten lahmlegen, ist ein Irrglaube.
Stimmen aus der DiWiSH-Fachgruppe IT-Security
„Was wir am Fehmarnbelt in groß sehen, kann morgen im Kleinen jeden Betrieb in Schleswig-Holstein treffen. Hacker fragen nicht nach Unternehmensgröße, sondern nach Schwachstellen. Wer meint, er sei zu klein, um relevant zu sein, wiegt sich in falscher Sicherheit.“
– Dr. Roland Kaltefleiter, Fachgruppenleiter IT-Security, DiWiSH (NetUSE AG)
„Wer seinen Notfall nie geübt hat, übt ihn im Ernstfall zum ersten Mal – und das ist der teuerste Zeitpunkt. Wir empfehlen jedem Unternehmen, den Totalausfall unbedingt intensiv als Planspiel durchzuspielen.“
– Frank Thomsen, Fachgruppenleiter IT-Security, DiWiSH (BT Nord Systemhaus GmbH)
„Cybersicherheit beginnt mit dem Bewusstsein für die eigene Angriffsfläche.Wer sie kennt und aktiv reduziert, stärkt nicht nur sein Unternehmen, sondern auch Wirtschaft und Gesellschaft.
– Thies Kracht, DiWiSH-Fachgruppenleiter IT-Security (BT Nord Systemhaus GmbH)
Warum das Projekt „SicherDigital.SH“ jetzt besonders wichtig ist
Mit „SicherDigital.SH“ entsteht in Schleswig-Holstein gerade eine neue Anlaufstelle für IT-Sicherheit im Mittelstand. Das Projekt befindet sich derzeit in der Startphase, baut personelle Kompetenzen auf und ist zunächst bis August 2029 finanziert. Es richtet sich an kleine und mittlere Unternehmen und unterstützt sie praxisnah bei IT-Sicherheit und digitaler Resilienz.
Das Projekt bietet unter anderem:
- Beratung zu IT-Sicherheit und Digitalisierung, zugeschnitten auf den Bedarf des jeweiligen Betriebs
- Orientierung in der Förderlandschaft von Bund, Land und EU
- Verständliche Informationen zu aktuellen Cyberbedrohungen und regulatorischen Anforderungen und eine Kommunikation, die dafür sorgt, dass Angebote bei den Akteuren präsent sind.
- Fachveranstaltungen, Workshops und Netzwerkformate
- Eine enge Anbindung an das Cluster DiWiSH und somit eine Community aus Wirtschaft, Wissenschaft, Verwaltung und Gesellschaft.
Der Fall Fehmarnbelt zeigt, warum so eine Anlaufstelle dringend gebraucht wird. Gerade kleine und mittlere Betriebe mit wenig Personal reagieren oft erst nach einem Vorfall, während andere Cybersicherheit längst im gesamten Unternehmen verankert haben. „SicherDigital.SH“ soll helfen, diese Lücke zu schließen: mit praxisnaher Unterstützung, bevor etwas passiert.
Jetzt handeln
Wer aufschiebt, verliert. Der aktuelle Vorfall macht erneut deutlich, wie elementar ein funktionierendes System ist.
HIER findest du eine kurze Checkliste der IHK im Akutfall. Wichtig ist es, sich Zeit zu nehmen und den Totalausfall durchzuspielen und zu prüfen, ob Backups laufen, Sicherheitsmaßnahmen greifen und alle informiert und trainiert sind für den Ernstfall.
Die DiWiSH-Fachgruppe IT-Security unterstützt bei Fragen zu Informationssicherheit, Datenschutz und Notfallplanung.
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