BiT SEA-SH: Wie KMU in Schleswig-Holstein aus Daten KI-Anwendungen machen
In vielen Unternehmen schlummern Daten, deren Potenzial bislang kaum genutzt wird. Laut Bitkom schöpfen 60 Prozent der deutschen Unternehmen das Potenzial ihrer Daten nur wenig oder gar nicht aus. Gleichzeitig werden datengetriebene Geschäftsmodelle und Künstliche Intelligenz immer wichtiger. Genau an dieser Lücke setzt BiT SEA-SH an: Die offene und skalierbare Daten- und KI-Plattform soll Unternehmen dabei unterstützen, datenintensive Anwendungsfälle zu erproben – mit besonderem Fokus auf Datensouveränität und Open Source.
Viele Daten, wenig Nutzen?
Maschinendaten, Bilder, Sensordaten, Dokumente oder Informationen aus Unternehmenssoftware: Daten entstehen heute in fast jedem Unternehmen. Doch allein ihr Vorhandensein schafft noch keinen Mehrwert.
Gerade bei größeren oder komplexen Datenmengen stellen sich schnell praktische Fragen: Wie lassen sich verschiedene Quellen zusammenführen? Woher kommt die notwendige Rechenleistung? Wie können KI-Modelle darauf trainiert werden? Und wie lässt sich dabei die Kontrolle über sensible Unternehmensdaten behalten?
Das ist insbesondere für kleine und mittlere Unternehmen eine Herausforderung. Eine eigene skalierbare Big-Data- und KI-Infrastruktur aufzubauen, ist technisch anspruchsvoll und kann hohe Investitionen verursachen – bevor überhaupt geklärt ist, ob ein Anwendungsfall funktioniert.
Genau hier setzt BiT SEA-SH – Big Data Trusted Science AI Plattform Schleswig-Holstein an.
Für wen ist BiT SEA-SH interessant?
Im Unternehmensbereich richtet sich BiT SEA-SH insbesondere an KMU und Startups in Schleswig-Holstein, die einen datenintensiven oder KI-basierten Anwendungsfall erproben möchten. Im Projekt sollen Unternehmen eigene Sensordaten und KI-Anwendungen integrieren und Lösungen prototypisch testen können.
Interessant kann das beispielsweise für ein Unternehmen sein, das große Mengen an Maschinen-, Bild- oder Sensordaten besitzt, daraus aber bislang keinen konkreten Nutzen ziehen kann. Ebenso denkbar sind Unternehmen, die eine KI-Idee haben, aber zunächst herausfinden wollen, ob diese technisch funktioniert, bevor sie eigene umfangreiche Infrastruktur aufbauen.
BiT SEA-SH ist dagegen kein allgemeiner Cloud-Speicher und kein kommerzielles Dauerhosting-Angebot. Der Schwerpunkt liegt auf Forschung, Erprobung und Technologietransfer. Die im Projekt entstehende Infrastruktur soll auch als Blaupause dienen: Wenn ein getesteter Ansatz funktioniert, kann daraus perspektivisch beispielsweise eine eigene On-Premise-Lösung im Unternehmen entstehen.
Erst ausprobieren, dann investieren
Der konkrete Mehrwert lässt sich auf eine einfache Frage herunterbrechen:
Kann ich herausfinden, ob meine Idee funktioniert, bevor ich umfangreich in eigene Infrastruktur investiere?
Dafür schafft BiT SEA-SH eine technische Umgebung mit skalierbaren Rechen- und Speicherressourcen. Unternehmen können dadurch einen geeigneten Anwendungsfall prototypisch erproben und Erkenntnisse gewinnen, bevor über die nächsten Investitionsschritte entschieden wird.
Dabei geht es ausdrücklich nicht darum, dass jedes Unternehmen zum Big-Data-Spezialisten werden muss. Im Mittelpunkt steht das jeweilige Problem: Welche Daten habe ich – und welchen Mehrwert möchte ich daraus erzeugen?
Wie sieht das in der Praxis aus?
Ein möglicher Weg beginnt nicht bei der KI, sondern bei den vorhandenen Daten. Zunächst wird geklärt, welche Daten für das Problem überhaupt benötigt werden und unter welchen rechtlichen und technischen Voraussetzungen sie genutzt werden dürfen. Enthalten sie beispielsweise personenbezogene oder anderweitig sensible Informationen, muss im konkreten Nutzungskonzept geprüft werden, ob sie etwa anonymisiert oder pseudonymisiert werden müssen.
Anschließend können die benötigten Daten in einer geeigneten Umgebung verarbeitet und KI-Modelle oder Analyseverfahren darauf angewendet werden. Das Ergebnis kann beispielsweise eine Klassifikation, eine Prognose, ein Dashboard oder eine konkrete Handlungsempfehlung sein.
Drei Anwendungsfelder zeigen, wie unterschiedlich solche Wege aussehen können.
Qualitätskontrolle mit Bilddaten: Bei Lebensmitteln wie Reis oder Kaffee können große Mengen hochauflösender Bilder entstehen. KI kann Merkmale wie Farbe, Form und Größe analysieren oder Fremdkörper und Schädlinge erkennen. Die Ergebnisse können anschließend übersichtlich in Dashboards dargestellt werden. Dieser potenzielle Anwendungsfall wird bereits auf der Projektseite von BiT SEA-SH beschrieben.
Sensordaten frühzeitig auswerten: In Grundwasser-Monitoring-Systemen entstehen kontinuierlich Messwerte wie Temperatur, Wasserstand, pH-Wert oder Leitfähigkeit. Werden diese Daten zentral verarbeitet, können KI-Modelle zeitliche und räumliche Muster erkennen und für Prognosen oder die Früherkennung von Veränderungen eingesetzt werden. Auch dieser Use Case wird im Projekt bereits als mögliches Anwendungsszenario betrachtet.
Straßenschäden automatisiert erkennen: Kameras und Sensoren an Fahrzeugen könnten kontinuierlich Informationen über den Zustand von Straßen erfassen. Nach einer datenschutzgerechten Aufbereitung der benötigten Daten könnten KI-Verfahren Schadensmerkmale erkennen, klassifizieren und zuständigen Stellen zur weiteren Bearbeitung bereitstellen. Die Straßenqualitätskontrolle gehört ebenfalls zu den öffentlich beschriebenen potenziellen Anwendungsszenarien von BiT SEA-SH.
Damit wird aus der abstrakten Begriffskette „Big Data und KI“ ein konkreter Prozess: Problem verstehen, relevante Daten auswählen, Daten sicher aufbereiten, analysieren und aus dem Ergebnis einen praktischen Nutzen erzeugen.
Open Source – aber sind meine Daten dann noch sicher?
Ein häufiger Irrglaube lautet: Open Source bedeutet, dass auch die Daten offen zugänglich sind.
Das stimmt nicht. Open Source bezieht sich auf die eingesetzte Software und deren Quellcode – nicht darauf, dass Unternehmensdaten veröffentlicht werden.
Offener Quellcode kann sogar einen Vorteil bieten: Softwarekomponenten können nachvollzogen und überprüft werden, offene Standards reduzieren Abhängigkeiten von einzelnen Anbietern und Unternehmen behalten mehr Gestaltungs- und Wechselmöglichkeiten. Schleswig-Holstein verfolgt diesen Ansatz ausdrücklich als Bestandteil seiner Strategie für digitale Souveränität.
Gleichzeitig wäre es falsch zu behaupten, Open Source sei automatisch sicher. Entscheidend bleiben unter anderem professionelles Patch- und Update-Management, Zugriffskontrollen, sichere Softwarelieferketten, Tests und ein angemessener Betrieb. Das BSI und das Zentrum für Digitale Souveränität betonen deshalb bei Open Source ausdrücklich auch die Bedeutung sicherer Softwarelieferketten.
Auch bei BiT SEA-SH sind Sicherheit und Qualität Teil der technischen Entwicklung. Die Plattform wird unter anderem auf Performance, Sicherheit und Skalierbarkeit geprüft; Kontor Business IT bringt zusätzlich Expertise in Datensicherheit, Systemarchitektur und Qualitätssicherung ein.
Warum Datensouveränität zum Wettbewerbsfaktor wird
Die Frage nach der Kontrolle über Unternehmensdaten ist keineswegs theoretisch. Die Bitkom-Studie 2025 zeigt, dass beim Datenaustausch gerade Datenschutz, rechtliche Unsicherheit und die Sorge um Geschäftsgeheimnisse zentrale Hemmnisse darstellen. 56 Prozent der Unternehmen, die keine Daten anbieten, nennen datenschutzrechtliche Einschränkungen, 42 Prozent rechtliche Unsicherheiten und 31 Prozent die Sorge vor einer unbeabsichtigten Weitergabe von Geschäftsgeheimnissen.
BiT SEA-SH setzt deshalb bewusst auf eine offene und vertrauenswürdige Architektur. Ziel ist nicht nur mehr Rechenleistung, sondern eine Infrastruktur, bei der Unternehmen möglichst souverän mit ihren Daten und technologischen Abhängigkeiten umgehen können.
Einen eigenen Use Case? Unternehmen können sich einbringen
Damit die Plattform nicht an den Anforderungen der Wirtschaft vorbeientwickelt wird, gehört der Dialog mit Unternehmen ausdrücklich zum Projekt.
In Workshops werden gemeinsam mit Unternehmen, Behörden und wissenschaftlichen Einrichtungen Anwendungsfälle und Datenquellen betrachtet. Unternehmen sollen zudem in Pilotierungen eingebunden werden und Feedback zu Funktionalität und Nutzerfreundlichkeit geben.
Dafür muss ein Unternehmen noch keine fertige technische Lösung mitbringen. Interessant sind zunächst drei Fragen:
Welches Problem möchten wir lösen? Welche Daten stehen dafür zur Verfügung? Und welches Ergebnis würde für unser Unternehmen einen konkreten Mehrwert schaffen?
Die WTSH bildet innerhalb von BiT SEA-SH die Schnittstelle zu Wirtschaft, Wissenschaft und Verwaltung und begleitet insbesondere Vernetzung und Wissenstransfer.
Vier Partner, eine Plattform
Die technische Projektkoordination liegt beim Kompetenzzentrum CoSA der Technischen Hochschule Lübeck. Das Institut für Telematik der Universität zu Lübeck arbeitet unter anderem an Basisinfrastruktur, prototypischen Anwendungen und Evaluation. Kontor Business IT bringt seine Expertise bei Cloud-Infrastruktur, Open-Source-Technologien, Systemarchitektur und technischer Umsetzung ein. Die WTSH verantwortet insbesondere Kommunikation, Vernetzung und Wissenstransfer.
Das Forschungsprojekt wird durch das Land Schleswig-Holstein im Rahmen der KI-Strategie des Landes gefördert. Für das Gesamtprojekt wurden Förderbescheide über rund 780.000 Euro übergeben.
Aus vorhandenen Daten konkreten Nutzen schaffen
BiT SEA-SH soll damit mehr sein als eine technische Infrastruktur. Entscheidend ist, ob aus Daten Anwendungen entstehen, die reale Probleme lösen und Unternehmen einen messbaren Nutzen bringen.
Gerade für KMU und Startups kann die Möglichkeit, einen datenintensiven Anwendungsfall zunächst prototypisch zu erproben, die Einstiegshürde senken.
Denn am Ende zählt nicht, wie viele Server im Rack stehen – sondern was ein Unternehmen mit seinen Daten besser machen kann.
Kontakt:
Kim Reiser
Projektleiter BiT SEA-SH bei der WTSH
Projektmanager KI.SH
BiT SEA – SH – Big Data Trusted Science AI Plattform Schleswig-Holstein