Wenn der Norden den Norden trifft: Estnische Delegation zu Gast in Schleswig-Holstein
Nachbericht zur Delegationsreise der Estonian ICT Association (ITL) | 15.–19. Juni 2026
Zwei Länder, eine Ostsee, eine Mission
Was verbindet ein Land mit 1,4 Millionen Einwohnern, das weltweit als Vorbild für digitale Staatlichkeit gilt, mit einem norddeutschen Bundesland, das sich mitten in seiner digitalen Transformation befindet?
Mehr als man auf den ersten Blick vermuten würde.
Estland und Schleswig-Holstein teilen die Ostsee als gemeinsamen Horizont – und eine Frage, die beide Seiten mit großer Ernsthaftigkeit beschäftigt:
Wie bauen wir einen handlungsfähigen, souveränen digitalen Staat und resiliente Organisationen in Zeiten von KI und geopolitischen Spannungen?
Genau dieser Frage widmete sich die Delegationsreise der Estonian ICT Association (ITL) nach Schleswig-Holstein. Fünf Tage, ein straffes Programm, etwa 20 intensive Begegnungen mit überwiegend Digitalakteuren aus Schleswig-Holstein auf höchstem Niveau – organisiert durch Jana Silaškova (ITL Estonia, dem DiWiSH-Pendant in Estland) und Dr. Johannes Ripken (Clusterleiter DiWiSH).
Der berühmte estnische Satz – „We don't trust paper – therefore we have digitalized it." – traf in Schleswig-Holstein auf fruchtbaren Boden. Denn auch hier wächst das Bewusstsein, dass digitale Transformation keine IT-Frage, sondern eine Haltungsfrage ist.
Tag 1 – Ankommen und der holistische Blick auf die Digitalwirtschaft in Schleswig-Holstein | Montag, 15. Juni
Die Delegation reiste über Hamburg an und traf bereits am ersten Nachmittag auf hochkarätige Gastgeber am Kieler Kaufmann: Ehrenkonsul Klaus-Hinrich Vater, Hauke Brauer (Abteilungsleiter Internationalisierung, WTSH GmbH), Taris Moaledj (Außenwirtschaftsberater Europa bei der WT.SH) und Dr. Johannes Ripken begrüßten die estnischen Gäste mit einem Überblick über das digitale Ökosystem Schleswig-Holsteins.
Der erste Höhepunkt ließ nicht lange auf sich warten: Wirtschaftsminister Claus Ruhe Madsen und Staatssekretärin Julia Carstens empfingen die Delegation persönlich. Anschließend ging es zur Präsentation der Branchenstudie der Digitalwirtschaft in Schleswig. Ein ruhiger Einstieg sieht anders aus. Und das war gut so, denn die estnischen Gäste waren bereit für maximalen Input.
Tag 2 – Flensburg: Zwischen Startup-Energie und Energiewende | Dienstag, 16. Juni
Der zweite Tag führte die Delegation nach Flensburg mit einem spannenden Programm inklusive einem EEN Matchmaking-Event.
Viakom eröffnete den Tag mit einem Einblick in souveräne Open-Source-Infrastrukturen und Cloud-Lösungen für Unternehmen und öffentliche Institutionen. Genau das Thema, das auch Estland seit Jahren bewegt.
Der Mittag war geprägt durch ein Matchmaking im LiseZwei Technologiezentrum in Flensburg: Im Rahmen des Formats des European Enterprise Networks (EEN) wurden die estnischen Unterenhmen gezielt mit passenden deutschen Unternehmen zusammengebracht, um mögliche Kooperationen und Projekte zu initiieren, darunter ABIS GmbH, Lambda9, Progeek, DF Automotive, Viakom und team energie.
Am Nachmittag folgte der Besuch bei codin IT und dem KI-Startup Epic AI, die spannende Use Cases präsentierten, unter anderem im Energiesektor oder für die netgroup aus Flensburg, welche allerdings mit der mitgereisten netgroup aus Estland keine unternehmerische Verbindung hat.
Den Abschluss des Tages bildete team SE / team energie GmbH & Co. KG, ein spannendes Unternehmen im Energie- und Agrarsektor, das zeigt, wie klassische Branchen ihre Wertschöpfung durch Datenplattformen und digitale Systeme neu erfinden.
Tag 3 – Kiel: Souveränität, Verwaltung und das große Bild | Mittwoch, 17. Juni
Mittwoch war der dichteste und vielleicht inhaltlich intensivste Tag
Den Morgen eröffnete Alexander Rosenthal vom DigitalHub.SH, Schleswig-Holsteins Innovationshub für offene, sichere und nachhaltige digitale Lösungen. Das Modell, dass öffentliche Institutionen, Zivilgesellschaft und Digitalunternehmen gemeinsam an Open-Source-Lösungen arbeiten, traf bei den estnischen Gästen auf großes Interesse. Hier begegnen sich zwei Philosophien der digitalen Souveränität.
Weiter ging es zu adesso SE, einem der führenden IT-Dienstleister im deutschsprachigen Raum mit über 10.000 Mitarbeitenden.
Michael Bartoli und Jan-Phillip Staack standen Rede und Antwort – ein Austausch auf Topniveau.
Beim anschließenden Besuch bei Klaus-Hinrich Vater, Henrik Guschov und Frank Bösenkötter von der Vater Gruppe in der modern workplace factory zeigte sich, wie ein norddeutsches Mittelstandskonglomerat mit 550 Mitarbeitenden und zehn Spezialgesellschaften Digitalisierung in verschiedensten Facetten vorantreibt.
Der InnoPier bot dann ein beeindruckendes Schaufenster nicht nur über Kiel, sondern auch auf die estnische Unternehmen: Neben Präsentationen zur MACH GmbH (Matthias Kohlhardt) und zur digitalen Souveränität Schleswig-Holsteins (Alexander Rosenthal) gaben die estnischen Gäste Einblicke in die Lösungen ihrer Unternehmen.
Dataport AöR hinterließ als zentraler IT-Dienstleister für mehrere Bundesländer mit über 6.000 Mitarbeitenden einen bleibenden Eindruck: Ingo Hammer, Nele Heik und Marie-Luise Ahlendorf zeigten, was E-Government auf Bundeslandebene bedeutet. Wer Estlands X-Road-Infrastruktur kennt, versteht, warum dieser Vergleich besonders produktiv ist.
Den Abend rundete Consist Software Solutions mit Jörg Hansen ab: Über 40 Jahre Markterfahrung, spezialisiert auf IT-Sicherheit, digitale Transformation und datengetriebene Systeme. Das Dinner im MeerRestaurant Strande mit Blick auf die Kieler Förde und unter Teilnahme auch aller deutschen Unternehmensvertretenden des Tages war der verdiente Abschluss eines intensiven Tages.
Tag 4 – Kiel: Von der Werft zum Waterkant | Donnerstag, 18. Juni
Der Donnerstag begann ungewöhnlich und deshalb vermutlich unvergesslich:
Die Gebrüder Friedrich Werft, ein Familienunternehmen seit 1921, zeigte, dass digitale Transformation auch in der Schifffahrt angekommen ist: Integration neuer Technologien in ein traditionsreiches Handwerk wie z.B. 3D-Druck, KI-gestützte Prozesse, autonome Schiffssteuerung mit Sensorik und KI sowie unternehmerische Experimentierfreudigkeit zeichnen die Werft unter der Leitung von Katrin Birr aus.
Weiter ging es zum KITZ (Kieler Innovations- und Technologiezentrum): Hier präsentierten ausgewählte Startups wie Vector Insights, plan[neo], und GRVTY ihre Lösungen und wurden vom estnischen Publikum mit tiefgehenden Fragen gelöchert, sodass aus dem Austausch zukünftig echte Partnerschaften und Kooperationen entstehen dürften.
Mittags bei der ennit GmbH: Cloud-Services, Cybersecurity, Managed Infrastructure und ein Unternehmen, das mit Green-Data-Center-Ansätzen beweist, dass Nachhaltigkeit und digitale Leistungsfähigkeit kein Widerspruch sind.
Am Abend: Der Beginn des Waterkant Festivals in Kiel. Norddeutschlands relevantestes Festival für digitale Innovation und Gesellschaft bot den perfekten Rahmen für informelles Netzwerken, inspirierende Gespräche und den inspirierenden Beweis dafür, dass Digitalisierung in Schleswig-Holstein mehr ist als Verwaltungsprojekte.
Tag 5 – Waterkant & Abschied | Freitag, 19. Juni
Der letzte Tag gehörte ganz dem Waterkant Festival. Ein besonderes Highlight: die Session „Cities of Trust – Governing in Times of Uncertainty" – mit Tiit Terik, Bürgermeister von Tallinn. Als ob das Programm am Ende noch einmal unterstreichen wollte, worum es die ganze Woche ging: Wie regiert man eine Stadt, ein Land, eine Region – vertrauenswürdig, digital, zukunftsfähig?
Schließlich: Abfahrt nach Hamburg, Rückflug und das Ende einer außergewöhnlichen Woche.
Was bleibt
Fünf Tage. Zwei Länder. Etwa 20 Unternehmen. Ministergespräche, Matchmaking-Events, Werftbesichtigungen, Festivalbesuche.
Und mittendrin immer dieselbe Grundfrage:
Wie gestalten wir Digitalisierung so, dass sie wirklich etwas sinnvoll verändert – für Unternehmen, für Menschen, für die Gesellschaft?
Die estnische Delegation, bestehend aus Piret Vahter, Raul und Walter Kaidro, Aimo Kõva, Kert Valbet, Kalle Kuusik, Lea Baudner, Linda Oldenburg, Kadri Raik und Jana Silaškova brachte nicht nur Expertise mit, sondern auch eine Haltung: pragmatisch, tiefgründig, lösungsorientiert und stark auf Kooperationen ausgerichtet. Das Schleswig-Holsteiner Netzwerk zeigte, dass der Norden bereit ist, von seinen nördlichen Nachbarn zu lernen und genauso Wissen mit ihnen zu teilen.
Wir sind gespannt, welche Kooperationen und neue Entwicklungen sich dank des intensiven Austauschs auf beiden Seiten entstehen werden.
Unterstützt durch das gesamte DiWiSH-Team sowie Hauke Brauer und Jennifer Hentzschel aus der WT.SH-.Abteilung Internationalisierung hat insbesondere Dr. Johannes Ripken von der DiWiSH diese Reise mit großer Sorgfalt und Leidenschaft organisiert und begleitet und damit einen echten Beitrag zur europäischen Digitalpolitik im Kleinen geleistet: Vertrauen aufbauen, Partnerschaften anbahnen, Impulse setzen.
Was uns verbindet? Die Ostsee, der Norden, aber vor allem der unbedingte Wille, wertstiftende Digitalisierung für Unternehmen und Menschen zu gestalten.
Tausend Dank an alle beteiligen DiWiSH-Mitglieder, die bereit waren, ihr Wissen mit unseren estnischen Gästen zu teilen und in den intensiven Austausch zu kommen.
Organisiert durch: DiWiSH – Digitale Wirtschaft Schleswig-Holstein & WTSH GmbH
Kontakt: Dr. Johannes Ripken, Clusterleiter DiWiSH | ripken@wtsh.de*